In Abwandlung des lateinischen Sprichwortes „Homo homini lupus est“ – der Mensch ist dem Menschen ein Wolf – ist mir in einer hellen Minute eine recht brauchbare Alternative dazu eingefallen: 

„Homo homini fungus est“ – Der Mensch ist dem Menschen ein Schwammerl.

Die Analogie wird mit zahlreichen Beispielen plausibel:

1. Manche – besonders giftige – Schwammerl gehören zu den schönsten. Der Fliegenpilz beispielsweise: Er verursacht, vorwiegend auch bei Kindern, ein schaurig-wohliges Gefühl. In vielen Fällen möchte man reinbeißen, weiß aber, dass das Konsequenzen hat. Man weiß auch, dass man es der eigenen Dummheit zuzuschreiben hätte, würde man diese vielfach bestätigte Erkenntnis ignorieren. Bei Menschen dieser Kategorie ist es ähnlich. Sie sind schön – das ist nicht unbedingt nur auf die Physiognomie zu beziehen, aber natürlich auch und vielleicht sogar vorwiegend. Sie schmeicheln sich in gewisser Weise ein, sind elegant, eloquent, selbstbewusst. Alpha-Typen, jedenfalls beim ersten Hinsehen. Verlockend wie einst der Apfel, den Eva dem Adam im Paradiesgarten angeboten hat. Ich glaube, viele von ihnen wären gute Verkäufer.2. Kein Mensch würde behaupten, essbare und schmackhafte Pilze seien grundsätzlich nicht schön. Der Anblick eines saftigen Steinpilzes lässt das Herz eines jeden Schwammerlsuchers höher schlagen, besonders schöne Exemplare werden nicht selten fotografiert. Ich habe da ein recht harmonisch komponiertes Bild vor meinem geistigen Auge. Der Steinpilz ist ein grundsolides Schwammerl, daran ist nicht zu rütteln.Aber wem gefallen Eierschwammerl? Eierschwammerl haben nach meinem Empfinden ein grundsätzlich entsetzliches ästhetisches Auftreten. Beinahe eine Zumutung und würde die Erfahrung fehlen, so würde man mit Sicherheit den so schön bunten Fliegenpilz dem eingedepschten, kontur- und gesichtslosen Eierschwammerl vorziehen.
3. Das langweilige, unscheinbare, nicht genießbare und trotzdem nicht giftige Allerweltsschwammerl. Es führt ein langweiliges Leben in irgendeiner Versenkung. Im besten Fall wird es von einem Kripperlbauer gefunden und rückt so ins Rampenlicht, ansonsten sieht es trist aus. Das trifft auf den allergrößten Teil der Schwammerl wie der Menschen zu. Da tut sich nichts. Sie haben natürlich eine wichtige Funktion in der Erhaltung der Balance, des ökologischen Gleichgewichts bei den Schwammerln einerseits, der gesellschaftlich-wirtschaftlichen Systemerhaltung bei den Menschen andererseits. Wer möchte da schon dazu gehören? Und doch tun es die allermeisten. Picken mit enormem Haftungsvermögen fest, werden zwar nicht gegessen, bewirken aber auch nichts.
Alleine, wenn ich mich in diesen drei recht allgemeinen Kategorien des Schwammerl-Universums bewege, kann ich die Vielfalt menschlicher Naturen schon recht gut beschreiben. Was, wenn ich erst in die Tiefe gehe…